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Reform des Sanitätergesetzes (SanG): Johanniter Österreich fordern Qualität statt Stunden-Debatten

Dreistufiges Modell mit Berufsschutz, Vollkostenfinanzierung und Integration ins Gesundheitsrecht – Johanniter mit konstruktiver, aber eigenständiger Position

Während in der laufenden Reformdebatte auch über eine Reduktion von Ausbildungsumfängen diskutiert wird, setzt die Johanniter-Unfall-Hilfe in Österreich bereits heute bewusst höhere Standards als gesetzlich vorgesehen. Die Organisation verlangt in der Ausbildung ihrer Rettungssanitäter:innen mit 320 Stunden und E-Learning Einheiten schon jetzt mehr Theorie- und Praxisstunden als das Sanitätergesetz dies aktuell vorsieht. Die Johanniter warnen eindringlich davor, die Anforderungen weiter abzusenken.

Angesichts steigender Anforderungen im Rettungsdienst sollte man nicht über weniger Ausbildung nachdenken. Wir investieren seit Jahren bewusst mehr in Qualität, als das Gesetz verlangt – aus Überzeugung und aus Verantwortung gegenüber Patient:innen und Rettungssanitäter:innen.“ 
Mag. Petra Grell-Kunzinger, Bundesgeschäftsführung Johanniter Österreich

Die Debatte um die Reform des Sanitätergesetzes nimmt Fahrt auf und das ist längst überfällig. Die Johanniter-Unfall-Hilfe in Österreich begrüßt, dass zahlreiche Organisationen das Thema in die Öffentlichkeit tragen und damit die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Gleichzeitig legen die Johanniter eine eigenständige Position vor: Sie wollen kein Gesetz, das in erster Linie Ausbildungsstunden zählt, sondern ein Gesetz, das Sanitäter:innen echten Berufsschutz bringt, den Einstieg offenhält, Karrierewege ins Gesundheitssystem öffnet und das die Frage der Finanzierung und Rechtsklarheit endlich löst.

Drei Stufen – aber mit Augenmaß beim Ausbildungsumfang

Die Johanniter sprechen sich für ein dreistufiges System aus: Der Rettungssanitäter (RS) bleibt als niederschwelliger, fachlich fundierter Basisberuf erhalten – mit 100 Stunden Theorie und 160 Stunden Praxis, wie bisher. Eine Reduktion wäre fahrlässig, niedrigere Ausbildungsniveaus führen zu rascher Überforderung, höherer Fluktuation und vermutlich zum Rückgang der Ehrenamtlichkeit. Es steht den Organisationen frei, eine Höherqualifizierung für den RS-Dienst in der Notfallrettung vorzusehen, wie es die Johanniter bereits machen.

Die Ausbildung in der zweiten Stufe, zum Notfallsanitäter (NFS), soll inkl. Notkompetenzen so umfangreich sein, dass ein klarer Berufsschutz begründet werden kann. Hier erfolgt idealerweise eine breite Praxiszeit auf verschiedenen Stationen (Notaufnahme, Unfallambulanz, Stationen inkl. Fokus auf Geriatrie). Notwendige Praxisplätze in Krankenhäusern und im Notarztsystem müssen sichergestellt werden.

Die dritte Stufe ist als freiwilliger, akademischer Weiterbildungsweg konzipiert – für jene, die eine Karriere in der Intensivversorgung, Führung oder Forschung anstreben. Die geforderte Durchlässigkeit zu anderen akademischen Abschlüssen im GuK-Bereich soll neue Berufsfelder im Gesundheitsbereich für diplomierte NFS erschließen.

Was wir Johanniter dabei klar ablehnen: Eine Aufblähung der zweiten Ausbildungsstufe auf mehrere tausend Stunden – wie es andere Modelle implizit vorsehen. Dies würde das System personell destabilisieren, da sich zu viele Sanitäter:innen gleichzeitig in der Ausbildung befinden und damit dem operativen Rettungsdienst nur eingeschränkt zur Verfügung stehen würden. Jedes Modell, das das ignoriert, gefährdet die flächendeckende Versorgung.“

Akademisierung: Ja, aber als freiwilliger Karrierepfad, nicht als Pflichtprogramm

Es gibt in der aktuellen Debatte eine unehrliche Vermengung: Wer ECTS-Punkte für alle Ausbildungsstufen fordert, eine vorwissenschaftliche Abschlussarbeit verlangt und 2.600+ Stunden für die Spitzenstufe plant, betreibt de facto eine Akademisierung, auch wenn er dieses Wort vermeidet. Die Johanniter sprechen das klar aus: Eine Akademisierung der höchsten Stufe ist sinnvoll und wünschenswert. Aber sie darf nicht als Pflichtpfad verkleidet werden, der alle davor unter Druck setzt. Die akademische Stufe soll offen sein für alle, die diesen Weg bewusst wählen wollen und die Vorstufen müssen fair anrechenbar sein.

Finanzierung: Weg von Kilometer-Tarifen, hin zur Vollkostendeckung als Systemfrage

Keine Ausbildungsreform der Welt funktioniert ohne eine grundlegend neue Finanzierungslogik. Das Rettungswesen wird heute noch weitgehend nach Transportkilometern vergütet, als wäre es ein Taxi-Service. Das bildet die Realität nicht ab: Sanitäter:innen leisten präklinische Gesundheitsversorgung, keine Beförderungsleistung. Die Johanniter fordern deshalb die Abkehr von reinen Transport-Tarifen und die Einführung einer Vollkostenfinanzierung, die Einsatz- und Vorhaltezeiten realistisch abbildet.

Besonders wichtig: Belassungen am Einsatzort – wenn NFS gemeinsam mit Telenotärzt:innen eine Versorgung vor Ort sicherstellen, ohne Transport ins Krankenhaus – müssen flächen- und kostendeckend finanziert werden. Das entlastet Notaufnahmen, spart Kosten im stationären Bereich und ist für Patient:innen oft die bessere Lösung. Heute passiert das kaum, weil es für die Organisationen finanzielle Nachteile bringen würde. Das muss sich ändern. Es müssen Finanzierungstöpfe und Rechtsgrundlagen angepasst werden, um dies zu ermöglichen.

Sanitäter:innen gehören ins gesamte Gesundheitssystem

Der Rettungsdienst ist nicht das einzige Feld, in dem gut ausgebildete Sanitäter:innen wirken können und sollen. Die Johanniter fordern die systematische Öffnung für Primärversorgungszentren, Ordinationen und Telefonhotlines wie 1450. Dazu braucht es die Aufnahme pflegerischer Elemente in die Ausbildung, gegenseitige Anerkennung von Kompetenzen mit anderen Gesundheitsberufen und klare gesetzliche Rahmenbedingungen. Das stärkt das Berufsbild, schafft Karrieremöglichkeiten und hilft dem gesamten Gesundheitssystem, das dringend Entlastung braucht.

Die vier Kernforderungen der Johanniter zusammengefasst:

  • Niederschwelligen Einstieg über Rettungssanitäter:innen erhalten: Qualitätsniveau stärken
  • Berufsschutz für Notfallsanitäter:innen gesetzlich verankern
  • Akademisierung als freiwillige dritte Stufe ermöglichen, nicht als versteckten Pflichtpfad in Stufe 2
  • Vollkostendeckende Finanzierung einführen: weg von km-Tarifen, hin zur Vergütung von Einsatz- und Vorhaltezeiten inkl. Belassungen

Wir sind für konstruktive Gespräche mit allen Organisationen und der Politik bereit. Was Österreich jetzt nicht braucht, ist ein weiterer Konsultationsprozess. Was es braucht, ist politischer Mut zur Entscheidung.“ 
Mag. Petra Grell-Kunzinger, Bundesgeschäftsführung Johanniter Österreich


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