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Bericht von der Tagung 2007

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5. Tagung KIT/AB/SvE
11.-12. Mai 2007
Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels, Oberösterreich

Wenn Kinder und Jugendliche dem Tod begegnen...

Die jährliche Tagung der Österreichischen Plattform Krisenintervention/Aktubetreuung/Stressverarbeitung wurde im Jahr 2007 von der Notfallseelsorge veranstaltet.

Dokumentation der Tagung und Download der Materialien

Bericht:

Wenn Kinder und Jugendliche dem Tod begegnen

Bei der 5. Österreichischen Kriseninterventionstagung im Bildungshaus Schloss Puchberg diskutierten Freitag, 11.5. bis Samstag 12.5.2007 über 400 Personen aus ganz Österreich, die in der Krisenintervention und Akutbetreuung tätig sind dieses Thema.

Begrüßung der Tagung

Bischofvikar Wilhelm Vieböck, Direktor des Pastoralamtes der Diözese Linz begrüßte als Vertreter der gastgebenden katholischen Diözese die TeilnehmerInnen. „In der Krisenintervention geht es um Menschen und damit ist es eine Aufgabe der Kirchen, sich für diese einzusetzen. Durch ökumenisches und gutes Übereinstimmen und Zusammenwirken aller kann die größtmögliche Wirkung erzielt werden. Er überbrachte den Dank und Gruß von Bischof Mag. Christian Werner, der als Militärbischof in Österreich für die katholische Notfallseelsorge zuständig ist.

Bischof Mag. Herwig Sturm von der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich sprach in seinen Begrüßungsworten das Thema der Tagung an. Dieses gehe einem Menschen sehr nahe. Seelsorge bietet in Krisensituationen einen Boden an, wo sich alle auf Augenhöhe treffen können, sie gibt einen Raum der Stille zum Anhalten und Innehalten. Die Begleitung in Krisensituationen erfordere von den HelferInnen eine große Stabilität um den betroffenen Menschen ein Durchhaltevermögen zu geben.

Landesrat Josef Ackerl, Sozialabteilung des Landes Oberösterreich, sprach von seiner Erfahrung, dass Kinder in zunehmender Zahl in den Erwachsenen die Ansprechpartner nicht mehr finden, die sie suchen. Es sei eine gesellschaftliche Aufgabe in der gegenwärtigen Zeit, Werthaltungen mit Kindern zu leben, zum gelingenden Zusammenleben sei ein guter Umgang mit Konflikten und Grenzen aber ebenso notwendig.

Landesrat Dr. Josef Stockinger, Katastrophenschutz-Referent des Landes Oberösterreich bedankte sich bei den über 400 TeilnehmerInnen der Tagung, dass es die Krisenintervention und Akutbetreuung gibt. Er bedankte sich aber auch ausdrücklich für die konfessionelle und andere Grenzen überschreitende Zusammenarbeit der Organisationen im Bereich der Krisenintervention und Akutbetreuung. Er begrüßte die anspruchsvolle Weiterbildung so vieler Ehrenamtlicher bei der Tagung im Bildungshaus Schloss Puchberg.

Trauma im Kindesalter – Akutbetreuung von Kindern und Jugendlichen

Primaria Dr.in Katharina Purtscher, (LSF Granz, Kinder- und Jugendpsychiatrie Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Wissenschaftliche Leitung KIT-Land Steiermark) gab in ihrem Vortrag einen Einblick in die Traumaforschung in Bezug auf Kinder und Jugendliche.Ein traumatisches Ereignis sei eine innere Katastrophe, die einen Zusammenbruch der Abwehrmechanismen und die Vermittlertätigkeit des Ichs außer Kraft setze (nach Anna Freud). Ein traumatisches Erlebnis führe immer zu einer Veränderung der Weltsicht und zur Erschütterung des Selbstbewusstseins und aller Ebenen der persönlichen Sicherheit (nach Fischer, Riedesser).Für die Akutbetreuung von traumatisierten Menschen sei daher immer wichtig zu sehen, dass neben den objektiven Ereignissen das subjektive Erleben und die subjektive Interpretation entscheidend seien. Purtscher unterscheidet Trauma des Typs I: einmalige plötzliche Erlebnisse wie Unfälle, Umweltkatastrophen und Trauma II: chronische Erlebnisse wie z.B.: Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch.In der Akutbetreuung bei Kindern sei es besonders wichtig auf die subjektive Bedeutungszuschreibung des Kindes zu achten, die nicht unmittelbar durch das Ereignis hervorgerufen sein muss. Beispiel „Wenn wir im Auto nicht so laut gewesen wären, wäre es nicht zum Unfall gekommen.“Traumatische Ereignisse können in der Folge bei Kindern immer wieder in Träumen oder stereotyp nachgespielten Szenen auftauchen. Die Bereitschaft, durch kleinste Ereignisse in psychosozialen Stress zu gelangen ist bei Kindern hoch. Traumatisierte Kinder können sich dadurch auch im Schlaf nicht erholen. Kinder geben sich sehr schnell die Schuld. Ein Nachfragen: „Wie glaubst Du, dass es dazu gekommen ist“ ist in der Akutbetreuung daher notwendig.Die Akutbetreuung hilft, dass Menschen und Kinder ihre Geschichte in Worte fassen können, dass das Erlebte eine benannte, einordenbare Einheit wird.Hilfen zum Ausdrücken des Geschehenen sind die Schaffung von Sicherheit und Schutz, die Hilfe zur Selbstwahrnehmung, eine Alltagsroutine etablieren. Dr.in Purtscher: „Wir können die Ereignisse nicht verändern, wir können Strategien der Betroffenen nicht wesentlich erweitern, aber wir können sie unterstützen, mit ihren eigenen vorhandenen Fähigkeiten am besten mit der Situation umzugehen.“  

Der Todesbegriff bei Kindern und Jugendlichen

Dr.in Barbara Juen, (Universität Innsbruck, Arbeitsgruppe Notfallpsychologie, fachliche Leiterin psychosoziale Betreuung im Österreichischen Roten Kreuz) gab in ihrem Vortrag einen Einblick in die Todesvorstellungen und in den Umgang von Kindern und Jugendlichen mit dem Thema Tod sowie Todesnachrichten.Kindliche Trauer ist diskontinuierlich - z.B.: beim Begräbnis der Mutter weinen und trauern und im nächsten Moment mit einem Tier spielen. Der Tod ist für alle Menschen nicht begreifbar, einzelne Elemente müssen aber für Kinder besonders dargestellt werden: Die Endgültigkeit des Todes, die Allgemeingültigkeit - alle Lebewesen können sterben, und dass man manchmal nichts gegen den Tod tun kann. Kinder haben erstaunlich viele Bewältigungsressourcen. Jedes Kind jeden Alters erlebt den Tod einer Bezugsperson in seiner altersspezifischen Bewältigungsstrategie. Ab einem Alter von sieben Monaten sucht das Kind nach der vermissten Person.Zwei- bis siebenjährige Kinder haben durch ihr magisches Denken eine Vorstellung vom Tod, als würde die Person schlafen. Kinder brauchen die Erklärung dafür, dass diese Person nicht mehr zurückkommt, nicht mehr aufwacht. Ein Schulkind kann sich die Endgültigkeit bereits erklären. Es fragt aber intensiv nach, wie es zum Tod kommt. Jugendliche haben oft irrationale Schuldgefühle: Wenn ich das nicht getan hätte, hätte ich es verhindern können. Sie brauchen Ermunterung und Aufklärung durch Erwachsene, tauschen sich aber lieber unter Gleichaltrigen über das Erlebte aus. In der Akutsituation ermutigt Dr.in Juen, sich von den Fragen der Kinder leiten zu lassen, und sie nicht mit unnötigen Informationen zu überfordern. Oft fragen Kinder x Mal die gleiche Frage hintereinander. Ein anderes Mal steht hinter der Frage ein Gefühl, welches vom Erwachsenen benannt werden kann.

Kinder brauchen Hilfe beim Verstehen des Todes, beim Ausdruck ihrer Gefühle, beim Wiederaufbau von Vertrauen. Gleichzeitig müssen ihre Abwehrmechanismen und Ausdrucksformen respektiert werden.

 

Die Tagung wurde von der ökumenischen Notfallseelsorge organisiert. Mag.a Silvia Breitwieser und Mag. Gerhard Baldauf von der Katholischen Kirche und Mag. Martin Vogel von der Evangelischen Kirche. Notfallseelsorge ist Krisenintervention mit spiritueller und ritueller Kompetenz. Sie ist Mitglied der Plattform Krisenenintervention und Akutbetreuung:

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v.l.: Breitwieser, Vogel, Lueger-Schuster, Langer, Juen, Kraus, Purtscher, Baldauf

  

Krisenintervention mit spiritueller und ritueller Kompetenz

In Oberösterreich gibt es 78 NotfallseeslorgerInnen und 30 Personen, die sich in Ausbildung zur Notfallseelsorge befinden.Seelsorge ist ein Grundauftrag der christlichen Kirchen.Notfallseelsorge ist „Erste Hilfe für die Seele“ in speziellen Notfällen und Krisensituationen.Sie ist ein Angebot für alle betroffenen Menschen. Notfallseelsorge wendet sich an Menschen, die durch elementare Ereignisse in ihrer Lebensgewissheit schwer erschüttert sind. Insbesondere sieht sie ihre Aufgabe in der unmittelbaren seelsorglichen Betreuung von Menschen, die unerwartet einen Angehörigen oder anderen nahestehenden Menschen durch den Tod verloren haben.

Die Krisenintervention umfasst die Betreuung vor Ort, die sich auf den aktuellen Anlass bezieht und erste Verarbeitungsschritte des traumatischen Ereignisses erleichtert. Dies geschieht unter anderem durch persönliche Zuwendung im seelsorglichen Gespräch. Wenn die Betroffenen es wünschen, wird versucht, der belastenden Lebenssituation gemeinsam aus dem Glauben – zum Beispiel durch Gebet, Abschiedssegen, Rituale – zu begegnen.

NotfallseelsorgerInnen arbeiten mit den Sozialeinrichtungen vor Ort und den Pfarrgemeinden zusammen.NotfallseelsorgerInnen begleiten

• Sie haben Zeit und lassen Menschen nach schweren Schicksalsschlägen nicht allein

• Sie sind einfach da und hören zu

• Sie ermöglichen, wenn erwünscht, einen Abschied von der/dem Verstorbenen durch Gebet, Segen und Abschiedsritual

• Sie tun das im Respekt vor dem Glauben und der Weltanschauung der Menschen, denen sie begegnen 

Wann sind NotfallseelsorgerInnen gefragt? 

Die Notfallseelsorger und Notfallseelsorgerinnen werden von Einsatzkräften in bestimmten Fällen gerufen, etwa nach einem plötzlichen Todesfall zur Begleitung von Angehörigen, bei Suizidversuch und Suizid bei der Überbringung einer Todesnachricht (in Zusammenarbeit mit der Polizei), bei schweren Verkehrsunfällen zur Betreuung von Angehörigen und unverletzten Beteiligten. Neben persönlichen Krisensituationen stehen die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen auch im Großschadensfall (z. B. Hochwasser) zur Verfügung.

Zum Einsatz gerufen

Um die Einsätze schnell und effizient gestalten zu können, gibt es ein eigenes Alarmierungssystem, das über das Rote Kreuz erfolgt. Die Sanitäter des Roten Kreuzes fordern bei der Leitstelle eine/n NotfallseelsorgerIn und eine/n KIT-MitarbeiterIn (Krisenintervention) an.Die Einsatzbereitschaft der ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter/innen wird je nach Bezirk unterschiedlich gehandhabt: zwölf Stunden-Bereitschaftsdienste werden entweder vorab vereint oder die Mitarbeiter/innen stehen auf Abruf bereit. Sie werden in beiden Fällen über Handy oder Pager alarmiert. Ein Einsatz dauert bis zu vier Stunden. 

Notfallversorgung 

Ziele der Seelsorge in Notfällen sind erste emotionale Stabilisierung von Betroffenen, Vermittlung von Orientierung (Abläufe erklären), Normalisierung der Situation und auch die Aktivierung eigener Kräfte und des sozialen Netzes („Wenn möchten Sie jetzt bei sich haben?“). Die Notfallseelsorger/innen wollen die Handlungsfähigkeit der Betroffenen unterstützen und erklären, was gerade los ist. Eine gute Betreuung macht sich selber überflüssig! 

Ein Beispiel 

Die 13jährige Ursula geht am Donnerstagmorgen bei starkem Nebel verspätet zum Schulbus. Sie läuft über die Bundesstraße und wird von einem Auto erfasst und in das entgegenkommende Fahrzeug geschleudert. Die SchulfreundInnen im Bus müssen den schrecklichen Unfall mit ansehen und sind geschockt.Jemand alarmiert die Rettung, auch ein Notarztwagen kommt, aber für Ursula kommt jede Hilfe zu spät. Sie stirbt am Unfallort.

Das Rote Kreuz benachrichtigt die MitarbeiterInnen des Kriseninterventionsteams und der Notfallseelsorge. Bei Johann H. geht der Pager los. Er meldet sich bei der Leitstelle des Roten Kreuzes und er wird über das Ereignis informiert. Dann fährt er zur Unfallstelle, die Polizei ist schon vor Ort und gemeinsam fahren sie zur Mutter des Mädchens, um ihr die Todesnachricht zu überbringen. Der Polizist fährt wieder weg und der Notfallseelsorger bleibt bei der Mutter, um ihr in den ersten schweren Stunden beizustehen. Er nimmt sich Zeit, ist einfach da, hört zu. Hilfreich kann auch ein Gespräch, gemeinsames Schweigen, ein Gebet und praktische Unterstützung in organisatorischen Fragen sein.

Andere MitarbeiterInnen des Kriseninterventionsteams und der Notfallseelsorge betreuen inzwischen die betroffenen Lenker der Unfallfahrzeuge.MitarbeiterInnen einer weiteren Einrichtung (psychosozialer Notdienst von pro mente Oberösterreich) werden verständigt, die die MitschülerInnen des Mädchens einfühlsam und kompetent begleiten. 

Entmystifizierung und Thematisierung von Suizid 

Erkenntnisse und Hilfen im Umgang mit Suizid bei Jugendlichen, die er durch eine Studie bei SchülerInnen in Luxemburg gewonnen hatte, stellte Prof. Léon Kraus (Gründer der ‚Groupe de Support Psychologique’ Luxembourg, CISM Basic Trainer, Notfallseelsorger für Feuerwehr und Zivilschutz) vor. Für ihn ist dadurch Suizid durch Suizidprävention abwendbar. Dazu gehören die Entmystifizierung des Suizid, die Thematisierung bei Jugendlichen. Dadurch lernen sie ihre eigenen Ängste, Vorstellungen und Falschaussagen eigenständig kontrollieren. Das Hören der Mitteilungen von Jugendlichen und das Aufbauen der KollegInnenhilfe unter den SchülerInnen, sowie die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren im Umfald der Jugendlichen ist dabei für Kraus unersetzlich. 

Bruch der Wirklichkeit 

Die Bedürfnisse und Notwendigkeiten von Kindern und Jugendlichen erläuterte Dr.in Brigitte Lueger-Schuster, (Klinische und Gesundheitspsychologin mit Schwerpunkt Psychotraumatologie Universität Wien, fachliche Leitung Akutbetreuung Wien). Menschen in Krisensituationen erleben einen Bruch der Wirklichkeit auf vielen Ebenen. Lueger-Schuster wies auf die vielen Fähigkeiten und Wissensgebieten hin, die bei der psychosozialen Krisenintervention notwendig sind. Sie unterschied die psychosoziale Krisenintervention aber auch klar von der psychotherapeutischen Krisenintervention.  

Notfallplan vorbereiten 

Ein Beispiel, wie der Tod zur Unzeit kommen kann, schilderte Dipl.-Theol. Frank Waterstraat, (Pfarrer, Beauftragter für Notfallseelsorge, Fachberater psychosoziale Unterstützung und Seelsorge des deutschen Feuerwehrverbandes) in seinem Vortrag: Notfallseelsorge in der Schule nach einem Busunglück. Am konkreten Beispiel wurde deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit der Seelsorge mit den Betroffenen, den SchülerInnen, LehrerInnen, der Schulleitung und den Einsatzkräften ist. Waterstraat rief dazu auf, einen Notfallplan an den Schulen vorzubereiten, den man im Notfall aus der Schublade nehmen kann und der das Handeln in einer Situation erleichtert, die bei allen Beteiligten an die Grenzen geht.  

Podiumsgespräch: Tod in/an der Schule 

Edwin Benko, Leiter des Kriseninterventionsteams des Landes Steiermark, Prof. Léon Kraus, Dr. Agnes Lang, Leiterin Schulpsychologischer Dienst Oberösterreich, Dr.in Gabriele Rüttinger, Krisenseelsorge im Schulbereich München und Dipl.-Theol. Frank Waterstraat, Hannover diskutierten in der abschließenden Podiumsdiskussion das Thema „Tod in /an der Schule“.Wie LehrerInnen in Krisenfällen schnell professionelle Hilfe bekommen können, wurde ebenso angesprochen, wie die Frage der interkonfessionellen und interreligiösen Krisenbetreuung. Ein Bekenntnis zur Zusammenarbeit der verschiedensten Kriseninterventions- und Aktutbetreuungseinrichtungen stand am Schluss der 5. österreichischen Kriseninterventionstagung

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v.l.: Waterstraat, Rütting, Eder-Cakl, Lang, Kraus, Benko